Was bisher geschah. Blockdichter Rewind.

November 2015.

Nach dem bisher politischsten Sommer unseres Lebens kommt der Herbst mit seiner drängenden Ernsthaftigkeit. Nach dem Abitur im Frühjahr jetzt der Studienbeginn. Jetzt das beginnen, was uns wichtig ist. Wir sind noch über beide Ohren voll von Heines Schlesischen Webern, von Büchners Woyzeck, von der Gruppe 47, mit Celans Todesfuge. Durch diese kleinen gelben Reklamhefte hatten wir ein Gespür für die Brüche der Zeit gewinnen können. Die Literatur zwischen 1945 und heute wurde kaum überrissen. Wir wurden von Büchners Dringlichkeit in die politisch-literarische Leere von heute geworfen.

Warum gibt es nicht hier, und jetzt, fragten wir uns, eine Plattform für Menschen, denen das genauso abgeht wie uns? Wo ist die Stimme unsere Generation, die den Zweifel, die diffuse Angst, die uns die verschiedenen Krisen verschaffen – Klimawandel, Terror, Kriege in unseren Nachbarregionen, Pandemien, Rechtsruck, die kommende Rentenkrise der Babyboom Generation, die unhaltbare globale Ungleichheit – in literarischer Form greifbar macht? Greifbar, damit wir die Krisen verstehen und sie konstruktiv angehen können? Wo bleiben die Gedichte über Pegida, die uns jeden Donnerstag auf die Straße forderten und vom Lernen abhielten? Wo lakonische Kurzgeschichten über die vereinsamten Abende in Gruppen, bei denen jeder sich nur mit seinem Sitznachbarn auf sozialen Plattformen verglich? Romane über das Deutschland unserer Zeit, über die Spaltung nach dem Sommer 2015, mit denen wir etwas anfangen konnten?
Also selbst etwas gründen. Den Blockdichter. Wie stoßen in der Kneipe auf die Gründung an, schreiben Protokolle, und fallen in den Winterschlaf.

Frühjahr 2016.
Wir nehmen einen neuen Anlauf, drucken Flyer, Sticker, besuchen verschiedene Vereine, werden bei Radio Z – SKRIPT porträtiert. Erhalten erste Textzusendungen, laden in der Luise ein Künstlertreffen ein. Vernetzen uns mit ehemaligen Literaturzeitungen in Nürnberg. Machen uns Gedanken über die Finanzierung.

Sommer 2016
Wir wollen erfahren, was Europa für uns bedeutet, und fahren als Redaktion, gefördert vom deutsch-französischen Jugendwerk nach Paris, um uns dort mit kulturell, politisch und vor allem literarisch aktiven Persönlichkeit der Stadt zu treffen. Es ist brüllend warm, und wir treffen Publikatoren in Daunenjacken.
Wir finden im 60-jährigen Jean-Baptiste Para, Chefredekteur der Kulturzeitschrift Europeeinen Gleichgesinnten, der unsere Gedanken über eine Generation, eine Landes- und eine Sprachgrenze hinweg auf den Punkt bringt (https://www.europe-revue.net/).
Özge, Mitglied Jugendorganisation DIDF Jeunes (http://paris8.unef.fr/nos-partenaires/didf-jeunes/) berichtet uns von der französischen Protestkultur, von den Menschen, die gegen die Verschärfung der Arbeitsgesetze auf die Straße gingen in den bekannt gewordenen „Nuits débouts“.
Von dem jungen europäischen Franzosen Romain Champalaune erfahren wir, wo man in der Stadt den günstigsten Kaffee findet und lauschen seiner Idee, abstrakte Probleme wie die Verklagbarkeit von multinationalen Unternehmen bildlich greifbar als Fotografien darzustellen (http://romainchampalaune.com/dispute/). Um Bild-Leser auf ihrem Niveau abzuholen und für die EU zu begeistern, hat er außerdem eine satirische Boulevardzeitung entwickelt, die die Irrungen und Wirrungen der EU in Griechenland bebildert: http://europe-mag.eu/europemag%20documenta%2021×27%20WEB.pdf.
Alban Lefranc, Gründer der deutsch-französischen Zeitschrift „La mer gelée“ (http://lamergelee.tumblr.com/) lässt sich mit uns über die dargestellte Kosmopolität der Pariser aus, die dann aber nicht polyglott genug sind, um einem bilingualen Literaturmagazin Aufmerksamkeit zu schenken.
Genau so einen treffen wir dann in einem jungen Mec aus Toulouse, der mit Zigarettenstummel in der Zahnlücke, viel elitärem Bildungsbewusstsein, aber wenig Interesse für sein Gegenüber im Café uns von seinem Magazin Revue Gruppen erzählt (http://www.revuegruppen.com/).
Mehr zu den Menschen, die wir getroffen haben, hier.

http://blockdichter.de/wp/category/europaeische-verflechtungen/

Dezember 2016
Bei unserer besten Freundin, der Luise (http://luise-cultfactory.de/), sind wir zur einem Acoustic Glühweining eingeladen, wo wir zwischen gesellschaftskritischen Liedern gesellschaftskritische Texte vorlesen. Über den Winter, über Rechtspopulismus, über Sexismus in IC-Toiletten. Dazu Mandarinen und Nüsse. Frohe Weihnachten.

Herbst 2017
Ein Jahr, in dem es ruhig um den Blockdichter geworden ist. Das Studium wurde ernst, eine Redakteurin zog weg und konnte jetzt nur noch aus der Ferne mitmischen. Dafür gewinnen wir unerwarteterweise eine neue Mitstreiterin: Andrea. Wir sammeln neue Ideen.

Frühjahr 2018
Es wird ernst, wir wollen jetzt endlich unser Geschriebenes in den Händen halten und mit Nürnberg und der Welt teilen. Lara Sielmann vom Curt-Stadtmagazin interviewt uns. Wir tummeln uns beim Freedom Slam in Erlangen. In einer Hauptversammlung der wiedervereinigten Redaktion beschließen wir: Veröffentlichung in einem Jahr, im Frühjahr 2019.

Winter 2019
Die Literaturszene in Nürnberg nimmt an Fahrt auf, die unabhängigen Lesereihen (http://www.lesereihen.org/) besuchen unsere Kneipen, Gegenwartsliteratur im Z-Bau lädt großartige Autor*innen ein, und wir lauschen ersten Kneipen- oder Raucherpausengesprächen über Literatur. Lass mal nicht kitschig werden hier, aber es fühlt sich an wie das erste Zarte von etwas Neuem. Als nächstes sprüht noch jemand, Gott bewahre, Poesie an die Hauswand.

Frühling 2019
Wer es noch nicht weiß, muss es jetzt wissen: der Blockdichter scharrt mit den Hufen, er haucht an noch vereiste Fenster, späht hinein und wagt es bald, an die Tür zu klopfen. Wir veröffentlichen unsere lang erarbeitete Literaturzeitschrift am 08. Juni 2019 um 19 Uhr in der Luise, Scharrerstr. 15. Ihr seid alle eingeladen. Ausnahmslos.