Léonce Gautier und das Geheimnis der verschwundenen Erdnüsse

August 2016

Léonce Gautier[1] ist Mitglied der Redaktion der Literaturzeitschrift Revue Gruppen (http://www.revuegruppen.com/). Es ist eine Publikation, die verschiedene Disziplinen in sich vereint: es erschienen Artikel zur Poesie, zeitgenössischer Musik, bildenden Kunst, Zeichnung, Photographie, Filmkunst, aber auch Philosophie und Politik. Die Disziplinen, so Léonce Gautier, harmonieren deshalb so gut, weil sie gemeinsame Themen hätten; sie hätten sich untereinander so viel etwas zu sagen.

Aber ich bin zu schnell. Denn so einfach und harmonisch gestaltete sich das Treffen nicht. Pardon, wenn Ihnen die Berichterstattung tendenziös erscheint. Daher distanziere ich mich hiermit von allen normalerweise angestrebten Zielen der Neutralität und Sachlichkeit. Ein Bericht ist nie vollkommen neutral und unvoreingenommen, und dieser erst recht nicht.

Nach einer einstündigen Erkundungsfahrt im Pariser Métro Netzwerk steigen wir an der Haltestelle „Barbès-Rochechouart“ wieder ans Tageslicht empor. Wobei, das ist zu viel versprochen. Es regnet. Für einen so nassen Tag sind die Straßen sehr betriebsam, unter den hohen, hallenartigen Brücken sammeln sich die Menschenmassen. Wir schwappen in sie hinein und werden weitergespült. Der Stadtplan löst sich an den Rändern auf. Die Brasserie „ La Chope du Château Rouge“ bietet uns ein Dach über den Kopf, wir sind erleichtert, die schmutzig-roten Lettern über dem Lokal zu erkennen, wenn auch zehn Minuten nach der ausgemachten Zeit. Mit den regenfrischen Gesichtern treten wir in den Innenraum und schauen uns um, so, wie wir es jetzt schon einige Male getan haben. Wer mag es sein? Der junge Mann an der Bar, der interessiert herüber sieht? Bei längerem Augenkontakt schaut er wieder weg. Der Mann, der so zielstrebig an uns herantritt? Nein, das ist der nette Kellner. Ich fasse mir ein Herz und spreche den Studenten an, der am Laptop tippt und verstohlen nach oben blickt.

« Vous-êtes Léonce Gautier? »

Er blinzelt zweimal, rückt den Laptop zur Seite.

„Pardon – comment? »

« Vous êtes Léonce Gautier? » Beim zweiten Mal fühlen sich die Nasallaute und weichen Konsonanten schon viel seltsamer, unförmiger an.

Er rückt die runde Brille nach oben und lächelt überrascht. Gefunden.

« Non, pardon, je ne suis pas Léonce. »

Oder auch nicht.

« Vous le cherchez ? »

Oui, und weil ich schon dabei bin, erzähle ich ihm gleich vom « projet littéraire», weswegen wir hier sind, von unserer Grundidee und unserer sehnsüchtigen Suche nach dem geheimnisvollen Léonce.

« Je vous souhaite bon courage! » Merci, wir setzen uns an den Nachbartisch. Der weißhaarige Mann ist auch nicht Léonce, oder er hat mich nicht verstanden. Redakteurin Nr. 1 knüpft eine innige Freundschaft mit dem kleinen Hund am Nachbartisch und Redakteurin Nr. 2 zeichnet expressionistische Bilder (siehe Anhang, Abb.1-2) zur Aggressionsbewältigung. Nr. 1 beteiligt sich auch mit einer Hand, mit der anderen muss sie den liebestollen Hund streicheln. Ich schaue meinerseits verstohlen an den Nachbartisch. Vielleicht ein Jurastudent, so viele Papiere wie er dabei hat.

Nach weiteren 20 Minuten tritt noch ein junger Mann in die Brasserie, er läuft über den Dielenboden zu unserem Tisch herüber – wie merkwürdig, sonst waren wir es immer, die die unbekannte Person unter den anderen Cafégästen heraussuchen und ansprechen mussten – klopft auf die Stuhllehne und fragt „Germany?“

Das ist also Léonce. Trägt eine Hipsterbrille, auch wenn er sie wahrscheinlich nicht so bezeichnen würde. Kurze Haare, Dreitagebart, so sieht also die smarte Postjugend aus. Als allererstes stellt er sich seine Dose gerösteter Erdnüsse auf den Tisch, und öffnet sie knackend. Er nimmt sich eine Hand voll und wirft sie sich genüsslich in den Mund. Wir warten. Nichts geschieht. Doch, sein Handy klingelt. «Un moment.»

Fünf Minuten später stellt er sich vor. Er sei Mitbegründer der Literaturzeitschrift. Die Idee sei während dem Philosophiestudium unter Freunden aufgekommen und wird heute noch von ihm und einem guten Freund getragen. Sie haben kein stringentes Konzept, machen das, worauf sie gerade Lust haben und mischen das dann mit den erlesensten Disziplinen aller Herren Länder. Er zeigt uns ein Exemplar. Es ist ein regelrechtes Buch, mehrere hundert Seiten, hochprofessionell, wunderschön gelayoutet, zarte Zeichnungen und hintergründige Artikel. Zu jedem Verfasser steht ein großes Kästchen mit seiner Biographie, wir müssen kurz an Alban denken. Aber irgendetwas passt nicht. Dafür, dass er so ein exzellentes, sorgfältig poliertes Kunstwerk herausbringt, scheint er nicht sehr enthusiastisch zu sein.

Wir versuchen, ihn mit einer Frage aus der Reserve zu locken. Die Poesie, weshalb hat er sich die ausgesucht, um sich auszudrücken? «J’ai pas. » Sie sei freier als die Prosa, man sei nicht auf dem Papier verhaftet, sondern könne damit auch auf eine Bühne treten, la poésie dite, aber nicht slammen, nein, wir sind ja nicht mehr in den Sechzigern, heutzutage kommt da nichts Gescheites raus. In den USA, da habe das eine richtige Triebkraft, vor allem die „Poésie noire“ fasziniert ihn, er hat dazu einen Artikel gelesen, vielleicht übersetzt er ihn für die nächste Ausgabe. Während er spricht, fädelt er seine Zigarette mit viel beiläufiger Geschicklichkeit so auf seinen äußeren oberen Schneidezahn, dass sie dort hängen bleibt, wenn er spricht. Wenn er den Mund aufmacht, schlappt sie allerdings ein bisschen herunter, sodass sie wie ein halbes Walrossbärtchen auf seinen Mund fällt. Ich kratze mich sehr undamenhaft am Kinn und wundere mich, dass er einen englischen soziologischen Text auf Französisch übersetzen will, wenn er eben meinte, er spreche so gut wie kein Englisch. Generell spreche er nur französisch. Sprachen seien nicht so sein Ding.

Was ist denn das Ziel seiner Zeitschrift? Oh, er wolle die Menschen bilden – deshalb bemühe er sich stets um eine simplere Sprache, auch bei komplizierteren Sachverhalten, damit ihm jeder folgen könne, sonst sei «le seuil de difficulté» zu hoch.

Die Erdnüsse stehen inzwischen halb leer auf dem Tisch neben dem Aschenbecher.

Gut, gehen wir in eine andere Richtung. Man spricht doch ständig von einer zunehmenden sozialen Spaltung in allen europäischen Ländern. Wie sieht er das? Ach, das gab es schon immer. Marx hat mal vom alten Ägypten geschrieben, dass die Schreiberlinge dort die Macht gehabt haben, weil irgendwann nur noch sie die Hieroglyphen schreiben und lesen konnten. Was einst zur simplen Kommunikation genutzt worden war, haben sie zur Ausübung von Machtstrukturen verfremdet! Sie allein hatten die Macht, die Zeichen zu interpretieren! Ich schreibe Ausrufzeichen, weil ich es irgendwie interessanter fand als er.

Nach einigen Schönheitsfragen nach der fabelhaften «maquette», dem herrlichen Printmedium und dem Wesen der Improvisation frägt eine aus unserer Runde unerwartet direkt, ob er eigentlich irgendeine politische Richtung anstrebe. Léonce schaut verträumt, formt sorgfältig die Wörter. Ja, politisch sei er schon, und zwar sehr links, ein «communiste libertaire», ein Anarchist. Aber der «parti communiste» könne er sich auch nicht ganz anschließen, sie seien zu dogmatisch, zu sehr Sowjetunion. Und die Anarchisten hier seien so zersplittert… ich erzähle ihm von anarchistischen Gruppen bei uns, dass sie sich nie einig werden können, weil sie nach dem Konsensprinzip entscheiden: Sie diskutieren solange, bis sich alle einig sind. Leider weiß ich nicht, was „Konsensprinzip“ auf Französisch heißt, und ohne das Fremdwort hören sich wohl meine Erörterungen nicht allzu intelligent an. Ich lache über meine philosophischen Sprachverstrickungen, aber er brummt, diese Splittergruppen scheinen ihm nicht allzu helle zu sein. Ich schweige. Die Erdnüsse sind inzwischen leer. Wir verabschieden uns und laufen zur Sacre-Coeur mit der Hoffnung auf ein bisschen Abendsonne. Oder ein Baguette.

Redaktion E.M.

[1] Name von der Redaktion geändert.

[2] Name ebenfalls von der Redaktion geändert.

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