Astrid Lindgren und die Lähmung der Kinderrechte

Madita und Lisabeth rennen den Weg entlang. Die Kamera hält ruhig inne, während ihre bestrumpften Kinderbeine den birkengesäumten Kiesweg entlang zur Brücke rennen. Ihnen laufen zwei andere gezopfte Mädchen entgegen: Mia und Matti. Sie tragen ebenfalls Strümpfe, ihre sind aber geflickt, ebenso ihre Kleider. Es schneit. Mia und Matti schauen kritisch in den Himmel und dann wieder nach unten.

„Fröhliche Weihnachten“, meint Madita, und knickst. Lisa rubbelt sich eine Locke aus dem Gesicht. „Fröhliche Weihnachten“, entgegnet auch Mia. Ungelenk halten Mia und Madita die Körbe ihrer Familien vor sich. „Für dich.“ „Ja, hier auch für dich.“

Lisabeth giggelt, dann platzt es plötzlich aus ihr heraus: „Freut ihr euch denn gar nicht auf Weihnachten?“

Matti spuckt aus, und Mia fragt herausfordernd: „Wozu denn? Der blöde Weihnachtsmann kommt doch eh nur zu den Reichen. Wir kriegen nie was zu Weihnachten.“ Lisabeth will das nicht glauben. „Nicht mal Schinken oder Weihnachtsspeck?“ „Nichts, sag ich doch!“ Lisabeth rubbelt sich noch einmal das Gesicht, dieses Mal verwundert. Beide Gruppen drehen sich gleichzeitig um und rennen nach Hause mit der Dringlichkeit von Grundschulkindern, die sich nicht von A nach B bewegen können, ohne zu rennen.

Kinderrechte. Sie klingen so schön. Aber wenn es einem gut geht, sieht man nicht so recht ihre Notwendigkeit, und wenn man sie bräuchte, kennt man sie wahrscheinlich nicht.

Man stelle sich vor, Madita von Birkenlund sitze in der Reichsschulkonferenz 1920 in Berlin. Die Koalition aus SPD, Katholiken und Linksliberalen ringt zwischen Idealismus und Stabilität: die typische große Koalition. Während Paul Oestreichs entschiedene Schulreformer eine Einheitsschule proklamieren und die Kollegen links und rechts nervös an den Fingernägeln knabbern und bitten, die Dreiklassengesellschaft jetzt doch bitte nicht so Knall auf Fall zusammenzuführen, staunt sie. Madita sitzt, jetzt ein paar Jahre älter, aber immer noch mit einer Ungläubigkeit gegenüber der Welt ausgestattet, in der letzten Reihe und staunt.

Die Schulreformer fordern, die privaten Grundschulen zur Vorbereitung aufs Gymnasium abzuschaffen, und eine allgemeine Grundschule einzuführen. Wie bitte, eine Gesamtgrundschule? Habe ich das richtig gehört? Damit unsere höheren Söhne und Töchter mit dem Gesindel zur Schule gehen? Jedem die Möglichkeit geben, die Hochschule zu besuchen? Aber nicht doch, Sie erzürnen die  Weimarer Zentrumspartei, die Katholiken in der Runde.

Man einigt sich und Madita staunt weiter: eine Volksschule von der ersten bis zur vierten Klasse. Danach wird wieder durch drei geteilt. Alles andere wäre ja nun wirklich zu viel des Guten.

Und der Beschluss einer fragilen Koalition wird zum Status Quo, und die Katholiken sprechen den Status Quo heilig. Sie schwören, bis ans Ende ihres Lebens mit einem Zustand zu argumentieren, als hätte Gott persönlich und nicht die drei Weimarer Parteien das dreigliedrige Schulsystem erfunden.

Matti würde in Deutschland mittelmäßige Chancen haben. Man kann ihr nur wünschen, dass sie nie zur Uni gehen wollte. Sonst würde Sie sich von der Regelklasse der Mittelschule bis zum M-Zweig durchkämpfen. Dort müsste sie sich in einem Haufen Chaoten die Frage stellen, ob sie doch auf die Wirtschaftsschule hätte wechseln sollen. Aber dafür hatten ihre Noten nicht gereicht: 2,6 in allen Hauptfächern. Vom Übertritt auf die Realschule haben ihr sowieso alle abgeraten. Schließlich schafft sie die mittlere Reife auf der Mittelschule, aber kein Unternehmen will eine Absolventen mit Mittlerer Reife von der Mittelschule statt der Realschule. Also besucht sie Übergangsklassen, Übergangsklassen und nochmal Übergangsklassen, bis sie merkt, dass sie sowieso keine 1,0 schaffen wird.

Matti würde dann mit scharfem Neid im Magen an ihre beste Freundin Madita denken, die nach einem Auslandsjahr jetzt im vierten Semester Psychologie studiert und sich ab und zu bei ihr meldet und sich nach der alten Linus-Ida erkundigt.

Zum Glück kann das alles hier, in Deutschland und in Bayern, nicht passieren. Denn eine bildungsbürgerliche Gymnasiastin Madita und ein Bauernmädel Matti wären sich hier eh nie begegnet.

Wer wird denn hier Vorwürfe machen. Artikel 2 der Kinderrechtskonvention verlangt zwar, dass kein Kind aufgrund seiner Herkunft oder seines Vermögens diskriminiert wird, und Artikel 28 schreibt Deutschland vor, jedem Schüler auf dem Weg zur Hochschule zu helfen, aber Artikel 4 gibt das Maß vor: nur im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten.

Und Lisabeth rubbelt sich verwundert die Locke aus dem Gesicht.

 

Redaktion E.M.

 

 

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