Schrödingers Demokratie

Eine Katze sitzt in einem Karton.

Darauf geschrieben steht ein Wort. Es heißt „democratia“.

Die Katze sitzt dort schon eine Weile, sodass es langsam wahrscheinlich wäre, dass sie tot sein könnte. Sie könnte aber auch noch am Leben sein.

Es ist bekannt, dass das arme Tier schon seit längerem dort seine Zeit verbringt. Inzwischen gehört sie zum Alltag der Menschen. Am Anfang war es lediglich eine Idee, doch inzwischen ist sie eine Institution. Regelmäßig stimmen die Menschen ab, in welchem Zustand sich das Tier wohl befindet. Sie kreuzen entweder „prämortal“ oder „postvital“ an. In seltenen Fällen wird unter der Hand gewettet, noch seltener wird eine Rede über die Katze gehalten.

Am liebsten wird über sie gestritten. „Was bringt uns die Katze? Sie hat nichts für uns getan! Die prokatze-versifften Medien wollen doch nur verheimlichen, dass die sie längst tot ist und statt ihr die Wirtschaft und fremde Religionen uns beherrschen! Wir sind das Volk und sagen: Die Katze muss weg!“, behaupten die Einen. „Die Katze ist das Beste, was uns passiert ist! Seit es sie gibt, haben wir Ordnung, Frieden und eine Zukunft! Vergesst nicht, wie grausam es vor der Katze war! Eure Verschwörungstheorien sind falsch, denn die Katze lebt!“, meinen die Anderen. Anfangs war die Fraktion der „Lebende Katze“ in der absoluten Mehrheit. Doch über die Zeit kamen Zweifel auf und die Fraktion der „Tote Katze“ vergrößerte sich.

Eines Tages begannen Mitglieder der „Tote Katze“-Fraktion die Kiste zu beschimpfen und zu treten. Die Mitglieder der anderen Fraktion wehrten sich nur mäßig und hofften, dass das Tier im Inneren stark und gefestigt genug war, um diese Angriffe auszuhalten. Vereinzelt fanden Versammlungen statt wie „Leuchten für die Katze“, man feierte ihren Geburtstag und schmückte die Kiste. Doch das Wichtigste – eine Diskussion – fand nicht statt. Die „Lebende Katze“- Fraktion hatte Angst, bestehende Probleme anzusprechen, um die „Tote Katze“-Fraktion nicht zu beflügeln. Leider konnten so auch keine Lösungen gefunden werden. Man tröstete sich damit, dass, solange man die Kiste nicht öffne, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, man sich keine ernsten Sorgen machen müsse.

Eines Morgens fand man die Kiste platt am Boden liegen. Über Nacht hat irgendjemand sie dem Erdboden gleich gemacht. Jetzt konnte das Tier nur noch tot sein. Während die Übeltäter ihren Sieg feierten, standen die anderen Menschen traurig um das flache Etwas herum. „Vielleicht“ begann einer zu sprechen, „würde sie noch leben, hätten wir mehr dafür getan.“

Von Andrea Marsing – Blockdichtermitglied

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