Je suis en colère avec le monde

Wir haben beinahe zwei Stunden mit Jean Baptiste Para (Chefredakteur von der Literaturzeitschrift „Europe“) zusammengesessen, wir hatten kaum Zeit, uns darüber zu wundern, wie er die dreißig Grad in gefütterter Winterjacke aushält, so sehr mussten wir uns konzentrieren. Das Gespräch war auf französisch und daher für uns durchaus anstrengend, doch er sprach so deutlich, dass wir auch den komplizierten Gedankengängen folgen konnten.

Frankreich hat ein Problem mit seiner Oberschicht. Sie tut nicht mehr das, was man so schön klischeehaft von ihr erwartet: Konzerte besuchen, Philosophen lesen und über Literatur diskutieren. Die alte Dame erinnert sich noch, wie das Mitte des vergangenen Jahrhunderts war: Sartre und Camus waren mehr als Philosophen, sie waren auch Autoren, von einem breiten Bildungsbürgertum gefeiert. Heute sind die Villen der Neureichen bücherfrei, sie sammeln Kunst: Das bringt mehr Geld. Die Elite hat sich nicht vermischt, sie ist geschrumpft und wurde ersetzt durch Sarkozys, die die Lektüre von La Princesse de Clève als sinnfreier empfinden als eine Spendengala.

 

Was heißt nun Europa für die alte Dame? Der seit der Antike bestehende kulturelle Austausch, der den Werken eine Universalität verlieh. Don Quijote beeinflusste Liebesgeschichten auf dem ganzen Kontinent, Hamlet zog nicht nur Engländer mit in die Verzweiflung. Keineswegs stehe das im Gegensatz zu der sprachlichen Vielfalt, zu den Nationen. Die Funktion der Literatur sei immer das Engagement gewesen, sie sei von Grund auf politisch, weil sie immer das Gegenwärtige in einem größeren Kontext reflektiere. Doch heute ist sogar in der französischen Literatur die Gesellschaftskritik schwer zu finden, da sich viele Autoren kaum für gegenwärtige Problematiken wie den Klimawandel interessieren. Es sind vor allem Essayisten, die diese Themen mehr oder weniger literarisch aufarbeiten, denn sie können Leute mit veschiedenen Blickwinkeln vereinen, doch es ist immer die Gefahr vorhanden, ins Lehrerhafte abzurutschen. Kurz verzieht sich das Gesicht der alten Dame, diese Autoren, sagt sie, die in den großen Blättern Leitartikel die allgemeine Meinung hochtrabend bestätigen, ich kann sie nicht ausstehen. Die französische Literaturszene ist zerstreut, atomisiert, nur ein kleiner Teil hat Erfolg, doch das spiegelt sich vor allem im journalistischen Bereich wieder. Die Intellektuellen haben keine Macht, sie sind für die Allgemeinheit unsichtbar. Die Literatur braucht Zeit um zu wirken, ein Gedicht hat immer noch eine Reserve, die man auch beim zehnten Lesen nur erahnen kann. Es ist schwer, in der heutigen Zeit so politische Durchschlagkraft aufzubauen. Schauen wir uns noch einmal das 20. Jahrhundert an: Nie hat es auf einmal so viele Poeten gegeben, noch nie so ein kollektives Gewissen, das den Kalten Krieg betraf. Doch dieser Wendepunkt in der Gesellschaft ist stumm an der Literatur vorbeigezogen, sie ist auf das Niveau von Harry Potter gesunken.

 

Die alte Dame stellt uns einen Dichter vor, der als Kind Bücher geklaut hat. Seine Mutter hat bei reichen Leuten geputzt, und die vielen Bücher in den hohen Regalen bebilderten ihre Vorstellung der Zukunft ihres Sohnes. Jetzt hat er das nicht mehr nötig; er lädt uns ein. Das mit Europa sei ein schöner Gedanke, sagt er, doch heute sei es nah an seiner Selbszerstörung. Habt ihr schon mal ein Parlament gesehen, das keine Gesetzte vorschlagen kann? Das ist eine verschleierte Tyrannei, sagt er, und genau das ist das wichtigste Organ unseres Kontinents. Doch es ist die Jugend, an der man die Temperatur einer Nation misst.

 

Der Bauer zur Zeit der Revolution hat die Spitzhacke seines Großvaters hergenommen, um für seine Ideale zu kämpfen. Er hat sie seinem Sohn weitergegeben, mit dem Wissen, dass sie ihm gute Dienste leisten würde. Heute werden wir regiert von einer Vergänglichkeit, in der wir die Dinge kaum fassen und beim Namen benennen können, ehe sie wieder verblassen. Unsere Werkzeuge brechen, nehmen wir sie das zweite Mal zur Hand. Wir sind eine Generation an einem Scheidepunkt, der drohnt, in Unzulänglichkeit zu verschwinden. Es steht einiges auf dem Spiel, doch wir fühlen uns nicht befähigt, einzugreifen, wir benehmen uns wie Zuschauer. Wir sind nicht eingebettet in eine Vergangenheit, sehen keine erstrebenswerte Zukunft. Dabei sind Utopien doch die treibende Kraft, sagt der Dichter, auch wenn sie heute anders geformt wird als vor dreißig Jahren. Nehmen wir Marx, sagt er und erzählt von Italo Calvino, der es im 19. Jahrhundert als essenziell gesehen hat, Marx nicht wortwörtlich zu nehmen, sondern als Vorbild einer idealen Gesellschaft. Ein Horizont, zu dem man sich hinbewegen will, den man bei seinen alltäglichen Taten vor Augen hat. Es gebe somit keine vorgegeben Interpretation, das Fluktuieren des Verständnisses sei grundlegend – ein langes Reifen, wie bei einem Gedicht. Der Dichter schaut die Straße hinab, es ist heiß geworden. Am Kaffee nippend blickt die alte Dame in den Himmel und stellt sich die Herzschläge als die Währung der Zukunft vor, wie ein gewisser Russe mal sagte.

 

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