Liebeslechzen

Kalt eisig lechzt
seine Zunge über Schmirgelpapierfrost
Eisblumen blühen in knisternder Symmetrie
der Winter haucht ein Mandala kristallklarer Splitter
Grashalme in knirschender Starre
glitzern weißbestäubt
Tauerfroren
Schlamm getürmt zu schäumendstarren Wellen
Waldesbleich
In der windstillen Eichenkrone
das Bildnis der Ewigkeit
Im Federnbett eines Amselnestes
Heusplittergewoben
Tannennadelpolster
ein Vogelküken hat gerade seinen schlaffrosa Körper aus dem Ei gepellt
die geschwollenen lila Augen
weiches Schnabelhorn
im ersten Schrei erfroren
Seine Schwestern und Brüder umsäumen den Primos
die Eier kalt wie Kieselstein im Eisbach
***
Winter mit aufgestelltem Silberkragen
das mondblasse Gesicht,
tränend Nas und Aug,
gen lichtweißer Himmelsweite geneigt
Seine beschlagenen Sohlen graben sich stollentief ins ErdeisKnirschend sein Schritt durch Mehllandschaft
Sein schweres Herz sehnte sich nach Sommers duftendgrüner Wiesenwölbung
Er besuchte Halmglanz und Nektarorgien
fing einen blinzenden Moment lang die Pracht und Sinnesweide des Sommers ein
Juliwolkenviolett
Obstfliegenschwärme
Kirschküssende
Seifenblasen in öligem Regenbogenschillern, wie sie auf Kindergestirn platzten
In Tauglimmern die Sommerseide an der Wäscheleine
Und dies Wangenglühn
der rotbewölkte Abendgruß
zirpend Orchester
Seeteichtief das Algengrün
nachtwarm der Asphalt
Da kochte es saphirblau in seiner Brust
Frost rollte nebeltief heran
Und Sommers letzter Atemzug
bauschigblühend
grünerzitternd
weht seufzendmatt durch goldne Wimpern
die Lippen purpurblau gefärbt
Sommer stirbt ohne zu welken

Von Anna Ludwig

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