Der Hirsch (Ausschnitt)

Blumen pflücken, das mochte sie
noch nie, sagt ihre Mutter und lacht
– gequält, und die Tante nickt
Dabei ist der Strauß gar nicht dünn
Weiter hinab die Straße fließt Wasser
gurgelnd schluckt es Staub, erstickt
Mücken in sich, schlucken wir sie, wenn wir trinken?
Der Vater lacht, nimmt das Gewehr
und schießt einen Hirsch

Das Dorf isst gerne zähnefletschend
fleischtriefende Finger leckt man gerne
hier im Süden, wo es nie regnet
Das Mädchen schaut den Blumen
beim Sterben zu und den Mücken
beim Ertrinken
– das tut man auch gerne im Dorf
Wenn die Frauen voll und rosig
vor Sonnengrauen mit Schweißtau bedeckt
die Luft fächeln, dann
wartet man nicht auf den goldenen Schimmer des Morgens.

Ein Auto kauft man nicht einfach, man
erwählt es sich, auch ohne Wahl
man zieht es an statt dem Anzug am Sonntag
und nun wirbelt er Staub auf
vor dem Fleisch, sonnenbefleckt und
feuerrot fährt er vor, kieselklirrend
mit dickem Gesicht und anzugähnlichem
anzüglichem Grinsen empfängt er all dies
– Wie schön, wie toll, wie teuer
Die Gänse laufen aufgeregt die Straße hinab

Das Mädchen steht ihrem Bruder gegenüber
hinten im Hof, er nimmt einen Stock
der Schrei eines Vogels schrillt
die Kuppel des Himmels fängt ihn, wie
das Kirchendach das Licht schluckt
– Schau, sagt der Bruder
das ist ein Fisch, wie sie im Bach leben.
Er zeichnet langsam. Konzentriert.
Das Mädchen sieht den Staub fliegen
und riecht das Fleisch

Im Haus bewundern sie alle ihn, mit
seinem Auto und er nimmt tiefe Schlucke
aus den blauen Blicken, die zu ihm auf
heischend nach seinem greifen
Ameisen laufen die Balken entlang
Das Mädchen klettert hoch um sie
– einzeln
zu zerdrücken
Sie schmecken nach Apfelsaft
Und es denkt: wie seltsam sie doch alle
aussehen da unten, zwischen den Händen der Männer

Einmal in der Woche pufft
die Eisenbahn keine kindlich weiße Wolken
wenn sie lautlos in den Bahnhof gleitet
mit gesenkten Köpfen entsteigen
wackere Bürger, schweigende Kinder
die Eiche streckt sich staunend
kein Geschrei, kein Gelächter
das sie zurückzucken lässt
Die Bahnhofsmauern seufzen vor Einsamkeit
Der sie nur die Putzfrau beraubt

Frisch gebrühter Kaffee, Blasen werfend
am Rand der Porzellantasse
die ruht in der zarten Hand des Vaters
das Lächeln fettglänzend
das ruht in seinem Inneren, golden und
unbestechlich
während er den bratenden Hirsch mit
friedlichem Leiden bedeckt ansieht
Ein Prachtstück, sagen sie.
Ein besonders fettes Exemplar
– sagen sie.
Dankend nippt er an dem Kaffee, schwarz

 

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